wowa remembers:
read Wofgang Wagenhäuser´s own memories in german:

Am Anfang war da meine Mutter, die mir das "Tönen" der Sprache beibrachte. Sie eröffnete mir die vielfältigen Bedeutungen eines Wortes, abhängig von der Art, wie ich es erklingen lasse.

Dann war da die Gitarre meines Vaters. Ich habe bis heute selten einen so warmen aber auch so stark die Intensitäten wechselnden Gitarrenklang gehört.

Diese beiden frühesten Erlebnisse führen zu einem meiner wichtigsten Leitfäden in der Musik: Das Beseelen der Töne. Und dies darf nach meiner Erfahrung nicht erst beim Interpretieren passieren. Eine Komposition ohne diese Seele kann vom besten Musiker nicht zum Leben gebracht werden.

Ein zweiter und dritter Leitfaden liegen auch in der "einstelligen" Kindheit. Nach vier Jahren Musikunterricht bei meinem Vater, der unkonventionell mit dem Quintenzirkel begann, lernte ich bei Wendelin Röckel. Der kam gerade frisch von seinem Studium in Rom an der St. Cecilia Akademie bei dem Vatikanorganisten Maestro Fernando Germani.

Das Feuer und die Begeisterung griffen auf mich (Achtjährigen) über. Wir tauchten in die Welt der Gregorianik und ich lernte den für mich neuen Aspekt der Melismen kennen- zunächst ein scheinbarer Widerspruch zu dem mütterlichen "Tönen".

Und ich saugte die vorkonziliare fulminante Art der improvisierenden Gottesdienstgestaltung in mich auf. Man konnte bei meinem Lehrer noch den Petersdom "riechen". In den folgenden Jahren musste sich dann so mancher Pfarrer und Gottesdienstbesucher an die monumentale Orgelführung durch mich schmächtigen Knaben gewöhnen. Mit 13 spielte ich ein erstes Konzert mit eigenen Improvisationen und hatte im selben Jahr mein erstes Einspringen für den Domorganisten in Frankfurt.

Wenige Jahre später ließen mich Gespräche mit meinem Schulkameraden Hans-Jürgen von Bose auf die damals gängige Schiene der Moderne umschwenken. Bei meinen Lehrern R-R Klein, Kurt Hessenberg, H-U Engelmann und H-D Resch frönte ich seriellen Techniken. Parallel studierte ich Klavier.

Meine Werke wurden zwar anerkannt und aufgeführt, doch ich blieb zunehmend unzufrieden zurück. Ich fand, dass eine gewisse Beliebigkeit der Klangergebnisse in den Techniken grundgelegt war. So kam es nach dem Studium zu einer langen Schaffenspause. Lediglich unter Pseudonym kam ich 2 Jahre lang Kompositionsaufträgen für die deutschen Tanzmeisterschaften nach (und lernte so nochmals an der musikalischen Basis).

In den nächsten Jahren war ich weiterhin neben reger Lehr- und Konzerttätigkeit als Pianist immer auch bei vielen Uraufführungen und Aufführungen neuer Musik tätig (u.a. im Mutare Ensemble, Frankfurt).

Doch erst in meinen Mittdreißigern erinnerte sich ein Dirigent meiner Schaffensseite und bestellte ein Werk bei mir. Es sollte ein musikalisches Märchen für die Familienkonzertreihe der Alten Oper Frankfurt sein. Und er wollte dem Familienpublikum die Angst vor zwölftönig Angehauchtem nehmen.

Diese Pontifexrolle reizte mich und ich suchte die kompositorischen Mittel dafür. Zu Hilfe kamen mir dabei die alten tradierten Ratschläge aus Rom: Du darfst auch immer Neues unterbringen, doch muss es von genügend Vertrautem begleitet sein, in dem sich die Menschen wohlfühlen.- Und da hatten mich meine Beschäftigungen mit Mathematik, Akustik und Astronomie ebenso in diese Richtung gelenkt.

Schauen wir doch in die Natur, die bei allem Digitalisierbaren ihren jeweiligen Sinn erst in den Zusammenschlüssen und Schwerpunktbildungen findet. Ich wollte schon die Ganzheit des Tonraumes nutzen. Doch ich unterteilte die Teiltonskala in 3 Stufen:

Die unteren beiden Oktaven mit dem dreimal auftretenden Grundklang und der "bestätigenden" Quint: archaisch habe ich diese Stufe unter Anderem wegen ihrer psychologischen Wirkung getauft.

Die beiden nächsten Oktaven, wie sie sich entfalten und zunächst Dur und eine besonders schmutzige Sept auftauchen- ehe nochmals Dur und moll erklingen. Und immer wieder Grundton und Quint. Ich nannte diese 2. Stufe menschlich - privat.

Erst in der 3. Stufe (also ab der 5. Oktav) tauchen die bislang vermissten 4 Töne der chromatischen Leiter auf: (auf c bezogen) des, es, f und a. Und natürlich kommt es zu weiteren Differenzierungen. Diese Stufe, so weit jenseits des Grundklanges nannte ich sphärisch, expandierend, explodierend.

Ich suchte nun die unterschiedlichen Mischungen dieser Ebenen und ließ sie sich horizontal wie vertikal verlaufen. Und siehe da, mit mitunter etwas konventionelleren rhythmischen Modellen gepaart, ergab sich ein Klangbild, das für das Ohr fast konventionell wirken mochte- aber eben doch ganz neue Reize einbrachte.

Das Stück fand viele Freunde und natürlich auch die üblichen Feinde, die im Bestreben nach Neuem nur die jeweilige Revolutionierung aller Mittel anerkennen wollten. Sei´s drum: Mein Weg war gefunden und der geht mit immer neuen Ideen und Mitteln weiter- womöglich weniger beliebig- aber eben als Evolutionär.